Chronik – TuS 03 Weilmünster e.V.

Chronik

„Gieht mer fort, ihr dumme Buwe, was soll denn des, dej Hipperei! Habt ihr weiter naut zu schaffe, wej die schleechte Turnerei?


So oder ähnlich dürften die Wiegenlieder geklungen haben, als eine Hand voll junger Leute voller Begeisterung anfing Sport zu treiben, es den anderen nachzutun, die sich schon längst überall im Lande zu Turn- und Sportvereinen Zusammengefunden hatten. Es war im Jahre 1903 – auf dem Feldberg wurde bereits das 50. Feldbergfest mit über 1000 aktiven Teilnehmern gefeiert – als es auch in Weilmünster zur Gründung eines Turnvereins kam. Zwei Männern ist es vornehmlich zu danken. Dem Färber Otto Schäfer, der im Turnverein Katzenelnbogen an mehreren Übungsstunden teilgenommen und sich gewisse turnerische Fertigkeiten erworben hatte und dem Kaufmann Richard Loew, der in Frankfurt die Gemeinschaft und die Freude am Turnen so nachhaltig erlebte, dass es den Beiden nach ihrer Rückkehr in die Heimat gelang, Freunde und Altersgenossen für ihre und die Ideen Jahns zu begeistern. Im Mai 1903 war es soweit. Die jungen Leute setzten sich zusammen und wählten ihren ersten Vorstand.

1. Vorsitzender wurde Richard Loew,
2. Vorsitzender: Friedrich Radu,
1. Kassierer und Turnwart: Otto Schäfer,
2. Kassierer: Andreas Baumward,
1. Schriftführer: Karl Schäfer;
2. Schriftführer: Heinrich Wirth;
Beisitzer: Wilhelm Haibach,
Philipp Klapper und August Haibach

Zu den Gründungsmitgliedern gehörten der Schreiner Heinrich Bonnkirch, der Schlosser Karl Fey, Wegewärter Heinrich Hardt, Landwirt Friedrich Kunkler, Weißbinder August Nehl und Amtmann i.R. Erhard Strödter. Unter den alten Kastanienbäumen auf dem Marktplatz zwischen der Kirche, der alten Schule und dem Rathaus begannen die jungen Turnfreunde mit den ersten sportlichen Übungen am Barren und Reck. Es ist durchaus nicht verwunderlich, dass die anfangs noch recht dürftigen turnerischen Leistungen vom Spott und Gelächter der Zuschauer begleitet wurden. Die Verständnislosigkeit der Gemeinde-verwaltung, die konservative Einstellung der Bürgerschaft und die daraus resultierenden familiären Schwierigkeiten ließen die Zahl der Mitglieder des jungen Vereins schnell zusammenschrumpfen. Aber trotz, oder vielleicht gerade wegen dieser Hemmnisse hielt der Kern dieses „Bubenvereins“, wie er spöttisch genant wurde, fest zusammen und ließ sich von dem einmal gefassten Entschluss nicht mehr abbringen. Dank der geschäftlichen und freundschaftlichen Beziehungen des Turnbruders Richard Loew wurde der Kammer-Rat Jockel aus Braunfels als erster Lehrmeister und Übungsleiter gewonnen, Unser kleines Häuflein unentwegter Turner lernte in Braunfels; die Braunfelser Vorturner kamen zum Unterricht nach Weilmünster. Eine langanhaltende herzliche Freundschaft bahnte sich an, die ihren Ausdruck in vielen kameradschaftlichen Begegnungen fand. Es ging langsam aufwärts und nach und nach kamen auch bisher Zögernde und Unentschlossene hinzu und verstärkten die Gemeinschaft. Bald verlegte man den Turnbetrieb auf den „Bleichplatz in der Au“, später in die „Weilehecken“, dem heutigen Schulhof der Grundschule. Mit viel Eifer und allen verfügbaren Kräften wurde das wüste und holprige Gelände eingeebnet und ein Sportplatz geschaffen. Unter spöttischer Anteilnahme der Bevölkerung geriet der Transport des alten Waagehäuschens, das man von der Gemeinde erworben hatte und das als Geräteschuppen Verwendung finden sollte, zum besonderen Ereignis. Aber man hatte ein Domizil gefunden und sooft es der damals noch sehr lange Arbeitstag zuließ, wurde eifrig geturnt und die kleine Gruppe machte erfreuliche Fortschritte.

Auf dem Gauturntag in Villmar am 17.2.1907 erfolgte die Aufnahme des Vereins in den Lahn-Dill-Gau und damit in die Deutsche Turnerschaft; ein Anlass für den rührigen Verein zum 18. und 19. August 1907 das Bezirksturnfest zu übernehmen. Dieses Treffen der Turnerschaft wurde zu einem besonderen Erfolg und trug wesentlich dazu bei, das Ansehen des Vereins in der Bürgerschaft u heben. Diese Wertschätzung führte bald zu einer gewaltigen Steigerung der urnerischen Leistungen. Der Ehrgeiz war erwacht und erste, teilweise ervorragende Ergebnisse wurden erzielt. eim Gauturnfest in Herborn zeigte eine Musterriege ihr schon beachtliches önnen, das in der folgenden Zeit unter Leitung des Turnwarts Friedrich Kunkler so usgebaut werden konnte, dass beim Gauturnfest in Hachenburg im Jahre 1911 der . Sieg in der 11. Klasse gelang. Im Tauziehen, einer damals noch häufig geübten portart, wurde unter 22 Vereinen die Gaumeisterschaft errungen. Die Volksturner, vor allem Hermann Eppstein und Albert Hofmann kamen nicht nur beim Bezirkssportfest in Braunfels, sondern auch bei den Spicherer-Bergfestspielen, dem Rhönturnfest und auf dem Feldberg zu beachtlichen Erfolgen.

Am 19. Juni 1911 fand die Goetz-Wanderung des Lahn- Dill-Gaues statt. Bei dieser Gelegenheit wurde zur Erinnerung an die 100ste Wiederkehr des Jahrestages der Eröffnung des 1. Deutschen Turnplatzes auf der Hasenheide in Berlin die Jahneiche gepflanzt und ein Gedenkstein gesetzt. Gauoberturnwart Münch, ein ganz besonders eifriger und erfolgreicher Verfechter der Turnbewegung, hat damals zum ersten Mal darauf hingewiesen, wie günstig gelegen der Bielerberg zur Abhaltung eines Bergfestes sei; eine Anregung, die nach dem 2. Weltkrieg ihre Verwirklichung fand. Der erste Höhepunkt im Vereinsleben vor dem ersten Weltkrieg war ohne Zweifel die Durchführung des 29. Gauturnfestes in Weilmünster. Mit 900 Teilnehmern, 55 Musterriegen bei den allgemeinen Freiübungen – die zur Pflichtübung jedes Turners gehörten – sowie einigen Hundert Zwölfkämpfern, war es bis dahin das bestbesuchte Turnfest des Lahn-Dill-Gaues. Die Regimentskapelle des Inf. Reg. 116 aus Gießen musizierte beim Kommers und wirkte beim Festzug mit.

Das Rauchen, Tragen von Stöcken und Schirmen beim Festzug war strengstens verboten; die Frauen durften nur als geschlossene Turnabteilung in sittlicher Kleidung und nicht ohne Strümpfe mitmarschieren.

Der Ehrenpräsident und erster Festredner Sanitätsrat Dr. Lantzius-Beninga in seiner Ansprache: „Ein stattlicher, ein imposanter Festzug, wie Weilmünster noch keinen gesehen, war es, der durch unsere Straßen wallte. Ja! Unsere Turnerschaft kann sich sehen und überall stolz und frei ihr Banner wehen lassen!“ Aber auch die Bevölkerung hatte sich mit ihrem Turnverein versöhnt, unterstützte ihn jetzt, so gut es möglich war. Fast 700 Freiquartiere mit voller und freier Verpflegung wurden zur Verfügung gestellt und sind eindeutiger Beweis dafür.

Der Zentner Kartoffeln incl. Sack ab Bahnhof Weilmünster kostete damals im Konsumhaus des Jakob Reitz 5.30 Mark, das Pfund zu 6 Pfennig, bei der Firma Louis Kohl 5.50 Mark. Prima Lager-Bier, die 112 Literflasche 13 Pfennig, wer sich 2 Stück auf einmal leisten konnte, brauchte nur 25 Pfennig hinzulegen.

Das Turnfest war ein voller Erfolg! Weilmünster stellte eine 8 Mann starke Musterriege und eine Zöglingsriege so nannte man damals die Jugendturner – mit 20 Teilnehmern, die sich wacker schlugen und auszeichnen konnten. Im Turner-Zwölfkampf erhielten den begehrten Eichenkranz die Turner: Adolf Weil, Anton Ickstadt, Hermann Eppstein, Friedrich Kunkler, Ernst Rippel, Alfred Wissig, Peter Kipp und August Nehl. Viele Dankschreiben und Danksagungsannoncen im „Weilboten“ sorgten noch lange für Gesprächsstoff und freundliches Erinnern.

Im Jahre 1913 gelang den kräftigen und als Konkurrenten gefürchteten Turnern Weilmünsters die erfolgreiche Verteidigung des Gaumeistertitels im Tauziehen und der Verein stellte auch beim so genannten „Eilbotenlauf“ zum Leipziger Völkerschlachtdenkmal, einem wahrhaft nationalen Ereignis, 25 Turner auf der Strecke Weilmünster-Braunfels.

Erfolge, die Wünsche und Hoffnungen weckten, Pläne zum Bau eines Spielplatzes und einer Gerätehalle reifen ließen.

Es sollte anders kommen. Die Situation des Vereins beim Ausbruch des 1. Weltkrieges verdeutlicht am besten die Eintragung im Protokollbuch über die Vorstandssitzung am 3. August 1914: „Heute Abend wurde die Schlusssitzung vor dem Ausrücken in den Krieg abgehalten. Wohin, ist noch nicht bekannt. Ob Frankreich oder Russland unser Ziel ist; wir tun unsere Schuldigkeit. Der gesamte Vorstand wird eingezogen und mit ihm fast alle Mitglieder über 20 Jahre; und so haben wir beschlossen, den Turnbetrieb vorläufig einzustellen.“

Zu viele hatten mehr als ihre Schuldigkeit getan. In der ersten Generalversammlung nach dem Kriege am 15. April 1919 betrauerte die kleingewordene Turngemeinschaft den Tod der 26 Kameraden, die nicht mehr zurückgekommen waren. Aber alle waren sich einig weiterzumachen, trotz der schmerzlichen Verluste, den Verein wieder aufzubauen. Und es gelang in erstaunlich kurzer Zeit.

„Das während des Krieges durch frevlerische Hand „abgehäutete Pferd“ soll durch das Vereinsmitglied Sattlermeister Karl Weil (Soller’s – Karl) zum Preis von RM 1.080.- mit einem neuen Bezug versehen und die Sprungständer und der holmlose Barren von den Kameraden Hardt und Fey repariert werden.

Unter dem neuen Vorstand mit Richard Loew als 1. Vorsitzenden, August Müller als 2. Vorsitzenden, dem 1. Turnwart August Nehl, Schriftführer Friedrich Schmidt, Kassierer Otto Schäfer stellten sich noch im gleichen Jahr die ersten Erfolge ein. Bei der 25-Jahrfeier des Turnvereins Braunfels war unsere Turnabteilung mit 16 Siegen außerordentlich erfolgreich und errang sogar durch die Jugendlichern Albert Radu und Paul Mösinger die beiden ersten Plätze.

Das Jahr 1920 brachte einige wesentliche Veränderungen. Neue Mitglieder brachten neue Ideen und belebten die Vielseitigkeit des Vereins. Eine Sport- und Spielabteilung wurde gegründet, die Fußball, später Handball, aber auch Faustballbetrieb und um die sich die Turner Alfred Heinzmann, Lehrer Seibel, August Völpel und Paul Mösinger als ihre Leiter besondere Verdienste erwarben.

Ein Mann, ein Idealist und stets treuer Begleiter zu allen Turnfesten, nämlich Karl Weil (Soller’s Karl), der auch in den schwierigen Inflationszeiten das unersetzliche Ballmaterial unermüdlich und ohne Bezahlung instandsetze, sollte hier besonders erwähnt werden, stellvertretend für die vielen Helfer und Förderer des Vereins ohne deren Mithilfe jede erfolgreiche Arbeit unmöglich wäre. Durch Übernahme des Vorstandspostens als 1. Turnwart durch Albert Völpel, Friedrich Weinbrenner als 2. Vorsitzenden, den Vorturnern August Küllmar, Friedrich Sang, Ernst Rippel, Alfred Wissig, Heinrich Schuster, Hermann Heinzmann, Schriftführer August Pletz, den Kassierern Friedrich Schwarz, Adolf Bonnkirch und Hermann Weil und der späteren Übertragung des Amtes als Männerturnwart an Otto Bördner und Otto Werner als Volksturnwart hatte der Verein eine so großartige Besetzung gefunden, dass bis zum Ausbruch des 2. Weltkrieges ohne wesentliche personelle Veränderung im Vorstand eine Entwicklung eingeleitet wurde, die den Turn und Sportverein durch seine Leistungen und die teilweise überragenden sportlichen Erfolge seiner Mitglieder weit über die Grenzen des kleinen Ortsbereiches hinaus bekannt machte. In diese Zeit fällt auch die „Wiederbelebung“ wie sie damals genannt wurde, der sich bereits 1905 etabliert hatte. Die Turner Hans Jung, Robert Masuch, Willi Schuster und Alfred Hofmann wollten die Pfeife blasen, marschgerecht begleitet von den Trommeln der Kameraden August Völpel, August Nehl und August Bausch.

Die Turnerischen Aktivitäten des Jahres 1922 beweisen die ersten Plätze im Zwölfkampf durch Ernst Rippel und August Völpel und die Wertungsnote „sehr gut“ für die Turnriege Weilmünsters auf dem Turnfest des Mittelrheinkreises IX, der das Gebiet des heutigen Hessens, Rheinland-Pfalz und das Saargebiet umfasste. Leistungen, die mehr als 40 Mitglieder dazu bewogen, am Deutschen Turnfest in München 1923 teilzunehmen. Von dort hatte man viele wertvolle Anregungen mitgebracht, die das Vereinsgeschehen des folgenden Jahrzehnts wesentlich beeinflussen sollten. Das Münchner Festspiel „Frisch auf, mein Volk!“ war so nachhaltig im Gedächtnis geblieben, dass es bald darauf einstudiert und mit glänzendem Erfolg in Weilmünster und Runkel aufgeführt wurde. Mit der Beendigung der Inflationszeit und der Erkenntnis, dass sich durch das Theaterspiel und die Entdeckung bisher unbekannter schauspielerischer Talente Geld verdienen lasse, entstanden auch die ersten Pläne zum Bau einer eigenen Turnhalle.

Während der Inflationszeit wurde jede Woche eine Vorstandssitzung abgehalten, auf Grund der Notwendigkeit die Mitgliedsbeiträge der ständig steigenden Geldwertsituation anzupassen. Man fand schließlich im wahrsten Sinne des Wortes das „Ei des Kolumbus“. Der Mitgliedsbeitrag wurde auf den Gegenwert eines Hühnereies festgesetzt.

Die turnerischen Anstrengungen, der Leistungswille und die Trainingsbereitschaft, auch unter schwierigsten Bedingungen, führten in den kommenden Jahren zu vielen schönen Erfolgen, die Beachtung verdienen. 1923 wurde August Völpel zum ersten Male Gauturnmeister im Stabhochsprung, 1924 gelang der Volksturnriege die Erringung der Gaumeisterschaft im Mannschafts-Hochsprung beim Gauturnfest in Braunfels und für die Durchführung des Hermanns-Laufes von Koblenz zum Hermannsdenkmal stellte Weilmünster auf der Strecke Weilmünster Ernsthausen 22 ihrer besten Turner zur Verfügung. Bis zu diesem Zeitpunkt hatten die Frauen und Mädchen Weilmünsters abseits gestanden; sportliche Betätigung galt als unschicklich und wenig damenhaft und es gehörte ohne Zweifel Mut dazu, als sich im Februar 1925 die erste Turnerinnenabteilung zusammenfand und bald darauf mit schönen Erfolgen aufwarten konnte. Stellvertretend für viele andere, seien die Damen Johanna Pletz, Paulinchen Vonhausen, Maria Täubner, Else Rumpf, später Klara Schaaf, Else und Martha Vöpel und Mathilde Becker besonders erwähnt und bis zum heutigen Tage haben unsere Mädchen und Frauen, neben ihren sportlichen Leistungen, wesentlich dazu beigetragen, dass die vielfältigsten Aufgaben, Pläne und Veranstaltungen des Vereins verwirklicht und bewältigt werden konnten.

Eine gute Gelegenheit sich zum Anlass eines Jubiläums dafür ganz herzlich zu bedanken.

n Villmar 1925 auf dem Gauturnfest wurde Bertholt Zeller Meister im Speerwerfen, Paul Mösinger im Stabhochsprung mit 3,15m Sieger vor August Völpel.

Der Stabhochsprung, eine noch recht junge sportliche Disziplin, wurde von den

Volksturnern Weilmünsters ganz besonders eifrig gepflegt. Da es aus finanziellen Gründen nicht möglich war, den damals gebräuchlichen Bambusstab zu verwenden, diente die geradezu universell verwendbare Bohnenstange (Lenkhilfe beim Wintersport, Rankhilfe im sommerlichen Garten) als Ubungsgerät und das Bachbett der Weil wurde zum Tainingsplatz Wem es immer häufiger gelang ohne nasse Hosen nach Hause zu kommen, meldete sich zum Wettkampf. Die dabei erzielten Erfolge unter fast grausamen Bedingungen sind bewundernswert, denn es gehörte ohne Zweifel viel Mut dazu, bei springen, die in der Höhe nur knapp unter den deutschen Rekordleistungen lagen, in einer 20 cm hohen Sandschicht oder einem dürftigen Häufchen Sägemehl zu landen.

Die Musterriege des TV Weilmünster war fast schon zum Markenzeichen geworden, erhielt 1925 und sogar 1927 in Darmstadt die Bewertung „sehr gut“, errang außerdem wertvolle Einzelsiege so Alfred Hofmann in Diez im Gerätezehnkampf. Der „Freiherr von Dungern-Schild“, eine heiß umkämpfte und begehrte Trophäe und Auszeichnung für eine 5×100 m-Staffel ging durch 3 aufeinander folgende Siege bei den Gauturnfesten in Elz 1926, Limburg 1927 und Weilmünster 1928 endgültig in Vereinsbesitz über Albert Geis und Wilhelm Benz waren einmal, Albert Radu und Albert Schmidt zweimal, Willi Rotter, Otto Werner und Ernst Loew dreimal an diesen Staffelsiegen beteiligt. Das 39. Gauturnfest und das 2. in Weilmünster vom 30. Juni bis 2. Juli 1928 war mit 46 teilnehmenden Turnvereinen und 525 Wettkämpfern, etwa 80 Vereinen und Abordnungen – vom Gesang- bis zum Ziegenzuchtverein – beim Festzug, mehr als 8000 Besuchern, die sich im Festzelt, besonders in den Bierzelten und auf dem Sportgelände tummelten, ein besonderes Ereignis: wenn auch das finanzielle Ergebnis nicht ganz den hochgesteckten Erwartungen entsprach. Trotzdem! Weilmünsters und Lützendorfs Bürgerschaft ließ sich nicht lumpen und stellte 559 Freiquartiere zur Verfügung und wurde seinem Ruf als glänzender Gastgeber mehr als gerecht.

Und es herrschte obendrein Ordnung im „Flecken“, dank des allgewaltigen Oberlandjägers Rotter, der, obwohl sein Sohn zu den Mitgliedern gehörte, unerbittlich den Verein zur Anzeige brachte weil während der Vorbesprechungen zum Gauturnfest in den Wirtschaftsräumen des Gastwirts Jakob Schmidt vorsätzlich, entgegen den geltenden Bestimmungen, die Polizeistunde um 24 Uhr um wenige Minuten überschritten wurde. 7.50 RM musste der Verein für dieses „Verbrechen“ bezahlen. Ein teurer Spaß, denn ein eleganter Opel-Zweisitzer, 1,1 Liter, 20 PS, mit Patentgummi-Federaufhängung, vergrößerten Hinterrad-Scheibenbremsen, Stahlblech-Hinterachsen, war schon, bei einer Anzahlung von 700.- RM, niedrigsten monatlichen Abzahlungsraten zum Preis von RM 2500.- erhältlich und Herren- und Damenschuhe, auch in Lack und farbig, kosteten zwischen 8.75 und 14.75 RM, die Dauerkarte auf dem Festplatz 1.- RM und der Verlag der Kreiszeitung „Der Weilbote“ mit illustrierter Beilage verlangte als Bezugspreis monatlich nur 1.40 RM, aber der durchschnittliche Stundenlohn lag bei nur 39 Pfennigen.

Der sportliche Erfolg dieses Gauturnfestes war jedoch sehr erfreulich. Mit dem bereits erwähnten endgültigen Gewinn des „Freiherr von Dungern-Schildes“ in der 5×100 m-Staffel, einem 4. Platz der Musterriege in der höchsten Klasse, zweiten Plätzen im Mannschafts-Dreisprung und Mannschafts-Hochsprung, neben einer Reihe von Einzelsiegen, zu denen auch unsere Mädchen und Frauen beitrugen, konnte Weilmünsters Turnerschar durchaus zufrieden sein. Es ging ständig aufwärts. Unter dem Volksturnwart Otto Werner blieben die Athleten des Marktfleckens außerordentlich erfolgreich und nahmen eine in ganz Hessen geachtete Stellung ein. Ein Beweis dafür war die seltene Verleihung der Sportplakette, einer vom Reichspräsidenten Hindenburg gestifteten Auszeichnung, an Otto Werner, die Nachwuchskräfte Alfred Müller und Helmut Loew, als Anerkennung für hervorragende Leistungen. In dem Jugendlichen Helmut Loew verfügte der Turnverein über ein großes Talent, das bereits 1930 auf dem Feldberg in der Jugendklasse B durch einen 1. Sieg, 1931 in der Jgd, A dem 2. Sieg und im gleichen Jahr als Jugendmeister des Mittelrheinkreises auf sich aufmerksam machte. Seine 13,49 m im Kugelstoßen zum Beispiel, würden ihm auch heute noch eine Spitzenstellung garantieren. Zweifellos aber war das sportliche Vorbild in der Gestalt des Volksturners Otto Werner, Ansporn für viele schöne Erfolge. Dessen 1. Sieg 1934 auf dem Feldberg in der höchsten Klasse unter 600 – 700 Mitstreitern, fast der gesamten deutschen Mehrkampfelite, ist wohl, neben seinem persönlichen Erfolgs-erlebnis, ein Ruhmesblatt der Vereinsgeschichte. Bereits in den Jahren zuvor gehörte er zu den Spitzenkräften, wie seine Plazierungen, nämlich zweimal als 2. und zweimal als 3. Sieger, eindeutig beweisen. Oft verwehrte ihm nur ein einziger Punkt, bedingt durch etwas schwächeres Abschneiden bei den als 4. Disziplin verlangten Freiübungen, den 1. Platz. 1936 gelang ihm auch noch der 1. Sieg beim Rhönturnfest auf der Wasserkuppe, er erreichte einen hervor-ragenden 11. Platz bei den Deutschen Kampfspielen in Nürnberg und wurde mit einer Höhe von 3,40 m Gaumeister von Nordhessen im Stabhochsprung. Diese Würde holte sich 1938 und 1939 als 37- und 38 jähriger, frisch geblieben und leistungsstark, noch zweimal August Völpel. Seine persönliche Bestleistung schraubte er dabei auf 3,50 m. Diese aufsehenerregenden Erfolge, ohne ausreichende Trainingsmöglichkeiten und unter oft widrigen Bedingungen erzielt, hatten zur Folge, dass Otto Werner bald zu vielen Sportkämpfen als Repräsentant Nordhessens in den Disziplinen Weitsprung, Dreisprung und in die Auswahlstaffel des Mittelrheinkreises berufen wurde. Mit einer Leistung von 13,86 m nahm er im Dreisprung die 3. Stelle der deutschen Bestenliste ein, holte dabei erstmals eine Bestennadeln des Deutschen Leichtathletikverbandes in den Verein und wurde darüber hinaus zum Olympiavorbereitungslehrgang für die Olympiade 1936 eingeladen. Der bekannte Hammerwerfer Karl Storch aus Fulda war einer seiner Trainingspartner.

Notwendig scheint aber auch an dieser Stelle die Erwähnung der vielen persönlichen Opfer, die gebracht wurden, um an diesen Wettkämpfen teilnehmen zu können. Das gilt wohl für alle aktiven Turner und viele nicht genannte Förderer, die durch Verleih der noch spärlich vorhandenen Fahrzeuge, meist wahrhaft vorsintflutliche Ungetüme mit Vollgummireifen, teilweise nur notdürftig gebrauchsfähig gemachte Fahrräder oder eine kleine Spende, zumindest aber durch ein aufmunterndes Lob diese Aktivitäten ermöglichten.

So starke Turnvereine, wie Jahn Siegen oder der TV-Straßeberbach, die zu den bedeutendsten Konkurrenten Weilmünsters zählten, wurden in den Mann-schaftskämpfen der Volksturner mehrfach bezwungen. Otto Werner und Helmut Loew steigerten sich dabei im Steinstoßen bis in die deutsche Spitzenklasse und erzielten Weiten von 9,68 m und 9,40 m. Leistungen, denen sich später noch Otto Pfeifer, nicht zuletzt durch seine Erfolge im Diskuswurf und Schleuderball, würdig anschließen konnte. Aber auch viele andere drängten nach vorn und fanden ihren Namen auf den Siegerlisten, wie der Hochspringer Karl Hirschhäuser, der Mittelstreckler Richard Albishausen, August Dommel, Herbert Flesch, auf der Langstrecke Willi Völpel und im Weitsprung Wilhelm Hirschhäuser, Willi und Albert Diesterweg. Geleitet und angefeuert von ihrem Turnwart Albert Völpel, einer Persönlichkeit und einem Mann, dem der Turnverein durch seine ständige Einsatzbereitschaft, sein Können und seinen Eifer außerordentlich viel zu verdanken hat, konnten die Geräteturner durchaus gleichwertig, bestehen. Auf dem Deutschen Turnfest 1933 in Stuttgart erringen sie ihren bisher größten Erfolg. Die Musterriege wurde mit „sehr gut“ bewertet. Vorgeführt wurde diese Auswahl mit den Turnern Alfred Hofmann, Otto Bördner, Otto Werner, Fritz Haibach, Karl Pfeifer, Rudolf Schwarz und Hermann Völpel, wegen Erkrankung des Turnwarts Albert Völpel, vom Vereinsvorsitzenden Richard Loew. Dieser hohe Leistungsstand konnte lange Zeit gehalten werden, immer wieder auf die Probe gestellt in den verschiedensten Vergleichskämpfen, in denen sich nicht nur die bewährten Kräfte, wie Rudolf Masuch, Albert Müller und Walter Ilgen, sondern auch die vielversprechenden Nachwuchstalente Heinrich Kunkler, Karl Nehl, Karl Völpel, Walter Becker, Paul Maihost und Hans Hatzfeld, besonders auszeichnen konnten. Eines der wichtigsten Ereignisse der Vereinsgeschichte war zweifellos der schon viele Jahre lang geplante Bau einer eigenen Turnhalle. Die Geräteturner hatten ihre Übungsstunden während der unwirtlichen Jahreszeiten zuerst im Saal des Gasthofes Kramer abgehalten, später im Jahre 1911 erbauten Saal Buchholz. Die Leichtathleten bzw. die Volksturner trainierten auf den verschiedensten Übungsplätzen, so in der Lehmkaut, auf dem Platz am Stein, im Schulhof und schließlich auf dem Gelände am Pfaffenberg. Der Saalbau Buchholz bot zwar, neben der turnerischen Betätigung, gleichzeitig auch die Möglichkeit und den entsprechenden Rahmen für die Aufführung der renommierten Theaterspiele, selbst so anspruchsvoller Stücke, wie „Minna von Barnhelm“, „Kabale und Liebe“, den „Prinz von Homburg“, aber das geschah alles mit der Absicht, die Vereinskasse zu füllen für die Verwirklichung der ehrgeizigen Pläne. Eine große Sach-Lotterie brachte leider nicht den erwarteten Erfolg, schuf aber einen gewissen Grundstock. So kam ein Scherflein zum anderen, und mit der Idee der Abhaltung zweier Freilichtaufführungen hatte man sicher das große Los gezogen. Der „Schinderhannes“, in der Bearbeitung von Wilhelm Reuter vereinte, beschäftigte und beflügelte im Jahre 1930 nicht nur sämtliche Vereinsmitglieder, sondern den ganzen Flecken. Am Fuße des Hohenstein im Höllgraben, versammelte sich monatelang, 16 mal in ununterbrochener Folge, die Spielerschar mit Pferden und Kühen, Requisiten, Kind und Kegel vor oder hinter den selbstgebastelten Kulissen und viele tausend Zuschauer aus nah und fern feierten begeistert die Akteure. Die Mundpropaganda und die Qualität der Darstellungen sorgten dafür, dass Sonntag für Sonntag die Ränge des kleinen, herrlich gelegenen „Amphitheaters“ dicht gedrängt besetzt waren.

Der Schinderhannes wurde vom vielseitigen Albert Völpel verkörpert, der seinem Julchen Johanna Pletz mit Vehemenz den Hof machte, im Kreis seiner Kameraden wilde Orgien feiernd, die angeblich nur reiche Leute schröpfte, Obrigkeit, Polizisten und Soldaten publikumswirksam an der Nase herumführte, um schließlich doch, von vielen Seufzern der Zuschauer begleitet, ein heroisch klägliches Ende zu finden.

Die Aufführung des Volksstückes „Andreas Hofer“, geschrieben und geleitet vom Vereinsmitglied Lehrer Karl Thomas, ging zwar 1932 nicht minder erfolgreich über die Felsenbühne, aber die Unmittelbarkeit, die der „Schinderhannes“, allein schon bedingt durch die Tatsache, dass er wirklich hier in unserer Gegend – er wurde zweimal in Wolfenhausen gefangen genommen sein Wesen getrieben hatte, wurde nicht ganz erreicht.

So geistert auch heute noch dieser Weilmünsterer „Schinderhannes“ durch die Erinnerungen der alten Turnerschar und wird mit Recht als einmaliges kameradschaftliches Erlebnis empfunden. Erstaunlich, dass trotz der herrschenden weltweiten Arbeitslosigkeit, auch der finanzielle Erfolg so erfreulich war und dem Verein ein Barvermögen von 16.193,- Mark bescherte. Nun konnte ernsthaft mit dem Bau der Turnhalle begonnen werden. Das Gelände auf dem Pfaffenberg wurde schließlich nach vielen Diskussionen zum Standort bestimmt. Vereinsmitglied Otto Jost fertigte die Zeichnung, übernahm die Bauleitung und alle Turnfreunde waren ständig, so oft es Zeit und Umstände erlaubten, unermüdlich tätig. Bei der Einweihung am 22. November 1935 konnte der 1. Vorsitzende Richard Loew, der Mann, dem der Turnverein durch seine rastlosen Bemühungen, sein kaufmännisches und diplomatisches Geschick so viel zu verdanken hat, voller Stolz viele Gäste und alle seine Turnfreunde herzlich begrüßen, dem Oberturnwart Albert Völpel, dem Geschäftsführer Rudolf Vonhausen und den vielen uneigennützigen Helfern herzlich danken.

Die gesamten Baukosten beliefen sich auf 36.000.- Mark. 3.000.- Mark hatten die Vereinsmitglieder, neben ihrer Arbeitskraft als Darlehen zur Verfügung gestellt, die Hypothek von 5.000.- Mark war bis zum Kriegsende zurückgezahlt. Der Verein hatte endlich, nach jahrzehntelangen Bemühungen ein eigenes Heim gefunden. Während des Baues der Turnhalle war durch die Initiative des Verkehrs- und Verschönerungsvereins unterhalb der Brösermühle auf dem Weg nach Laubuseschbach ein idyllisch gelegenes Schwimmbad entstanden, zu dem auch der Turnverein sein Scherflein beitrug. Gezimmert aus dicken Eichenbohlen wurde es bald, dank der Bemühungen des Schwimmlehrers Franz Gabriel, ein Treffpunkt aller Badelustigen, aber besonders der Jugend, die schwimmen lernte und das erworbene Können bei manchem Schwimmwettkampf unter Beweis stellte. Davor lag allerdings noch eine Zeit des politischen Umbruchs, der vom Jahre 1933 an, für unseren Verein nicht ganz ohne Folgen blieb und gewisse Veränderungen brachte. Der Zusammenhalt und die Kameradschaft der alten Freunde litten aber keineswegs darunter, denn die politischen Ansichten des Einzelnen waren niemals – und lobenswerterweise bis zum heutigen Tage – ein Kriterium der Zugehörigkeit gewesen. Es wird wohl hier und da kleine Auseinandersetzungen gegeben haben, wie sie beim menschlichen Nebeneinander und Miteinander unvermeidlich sind. Diese Kulissengespräche und der immer wieder mal aufkommende Streit um des „Kaisers Bart“, wohlgepflegt bis zum heutigen Tage, hatte zu keiner Zeit politische Ursachen. Wenn sich so auch am inneren Gefüge des Vereins nichts entscheidend änderte, so doch das äußere Erscheinungsbild. Die Turnwarte, Vorturner usw, wurden plötzlich zu Führern bestellt, eine Hakenkreuzfahne und ein Führerbild mussten angeschafft werden, die Aufnahme in den National-Sozialistischen Reichsbund für Leibesübungen wurde unvermeidlich, wollte man das Überleben des Vereins nicht gefährden.

Die Vereinsführung konnte sich einen kleinen Seitenhieb nicht verkneifen, denn mit dem Erwerb des obligatorischen Hitlerbildes wurde gleichzeitig die Bestellung für ein schönes, großes Jahnbild in Auftrag gegeben. In dieser Zeit sollte auch dem Turnfreund Alfred Hofmann eine strenge Rüge auf höchsten Befehl erteilt werden, weil er in der Gastwirtschaft seines Schwiegervaters die Freundschaft zu einem Juden für wichtiger als die nationalsozialistischen rassischen Ansichten der neuen Regierung gehalten hatte. Dieses Schriftstück wurde zwar zur Kenntnis genommen, stillschweigend abgeheftet, aber nicht unterschrieben.

Dem Arbeiterturn- und Sportverein, der neben dem TV-Weilmünster einen kleinen Sportbetrieb unterhielt, Fußball spielte und 1933 verboten wurde, ermöglichte der Verein bereitwillig die Aufnahme seiner Mitglieder, die auch vorher schon, teils in dieser oder jener Gruppe Sport trieben. Viel schwerwiegender allerdings war, dass die Jugend durch die stattlich verordnete Beschäftigungstherapie in den verschiedensten Gliederungen der Partei, in der Hitlerjugend (HJ), dem Bund Deutscher Mädchen (BDM) tätig werden musste und dem Turnverein kaum Nachwuchs zur Verfügung stand. Die Mitgliederliste vom 1.1.1938 beweist das ganz eindeutig. Von den insgesamt 116 Mitgliedern waren nur 25 jünger als 18 Jahre, 10 Jungen und Mädchen 19 – Jahre alt, das Gros der 81 Turner fast schon durchweg den Altersklassen zugehörig. Trotzdem änderte sich kaum etwas am Turnbetrieb. Im Gegenteil. Die alten und bewährten Kämpen nutzten jede Gelegenheit, ihr Können zu beweisen, besuchten viele Sport- und Turnfeste der näheren und weiteren Umgebung und brachten viele Siege und Auszeichnungen mit nach Hause. 1938 nahmen 20 Mitglieder am Deutschen Turnfest in Breslau teil, eine herrliche Reise, von der sie beeindruckt, voll schöner und heiterer Erlebnisse heimkehrten.

Bei ihren Ausflügen in die Umgebung Breslaus und bis ins Riesengebirge wurde eifrig geknipst, in einer wild-romantischen Ecke des Gebirges aber das Fotostativ stehen gelassen. Teilnehmer Otto Bördner meinte, da steht es wahrscheinlich noch heute und sehnt sich nach Weilmünster. Aber es sollte nicht mehr lange dauern, dass die meisten von ihnen unter viel weniger erfreulichen Umständen, oft und voller Wehmut an diese Zeiten dachten, denn der Zweite Weltkrieg hatte wieder einmal dem friedlichen Wettstreit ein Ende gesetzt, die alten Turnkameraden in alle Winde verstreut. Trotzdem riss der Kontakt untereinander nicht ab, jede Gelegenheit wurde genutzt, einander zu grüßen oder zu treffen. Ein kleines schwarzes Buch wanderte durch ganz Europa, von Front zu Front und alle Kameraden, die es erreichte, schrieben ein paar Worte über ihr Schicksal, ein paar Gedanken über die anderen, eine stille Hoffnung, aber auch oft genug einen letzten Gruß hinein. So entstand ein Dokument echter Verbundenheit, für die Überlebenden ein wertvolles Erinnerungsstück.

Als bereits Ende 1945 Adolf Metzler und Albert Völpel die alten Turner um sich versammelten, hatten sie den Tod 47 ihrer Kameraden zu betrauern; aber alle waren sich einig und entschlossen, dem Turnverein so bald als möglich seine alte Geltung wieder zu verschaffen. Zum ersten Vereinsvorsitzenden wählten sie Albert Hofmann, dessen Amt ein Jahr später Richard Albishausen übernahm. Nach den Bestimmungen der amerikanischen Besatzungsmacht durfte der Verein in der alten Form, wegen seines ehedem vaterländischen, für die Amerikaner suspekten Gedankengutes, nicht mehr gegründet werden. Als Turn- und Sportverein wurde er, als einer der Ersten in Hessen, schließlich zugelassen. Die verschiedensten Abteilungen nahmen bald darauf, teilweise schon 1945, den Sportbetrieb wieder auf und werden in gesonderten Berichten über ihre Arbeit, ihre Absichten und Erfolge Zeugis ablegen. Die finanzielle Situation des Vereins war nach dem Kriege recht gut. Die Turnhalle war bezahlt und dank mehrerer Veranstaltungen, wie der regelmäßigen Aufführungen der Lahnkammerspiele, die Vereinskasse mit mehr als 10.000,- RM gefüllt. Der Bau eines Sportplatzes wurde bereits eifrig diskutiert, als die Währungsreform 1948 gerade soviel übrig ließ, dass die dringend notwendigen Reparaturen des Turnhallendaches bezahlt werden konnten. Die 190 Mitglieder, von denen sich 140 sportlich betätigten, waren nicht in der Lage, durch ihre Mitgliedsbeiträge dem Verein kurzfristig auf die Beine zu helfen. Es mussten Schulden gemacht werden, vornehmlich Steuerschulden und wenn es sich auch nur um relativ kleine Beträge handelte, so tauchte doch eines Tages der Gerichtsvollzieher in der Turnhalle auf und klebte seinen „Kuckuck“ auf das lederne „Fell“ des schon so häufig malträtierten Pferdes.

Dieses Ereignis war so außergewöhnlich, dass es mehrfach durch Rundfunk und Presse ging, aber unser alter, braver, unverwüstlicher „Gaul“, fast schon ein Museumsstück, zeigte sich bis heute allen Situationen gewachsen.

Auf Anregung des ab 1947 amtierenden Vereinsvorsitzenden Dr. Ernst Loew, dem Sohn des so verdienstvollen Vereinsgründers Richard Loew, der ihm von der Idee des Oberturnwarts Münch erzählt hatte, wurde am 29.6.1947 das

1 . Bielerbergfest abgehalten. Es fand bis zum heutigen Tage jedes Jahr regen Zuspruch. Wenn viele Spitzensportler des Kreises und darüber hinaus, die sich sonst auf dem Bieler-Kopf trafen, immer häufiger wegbleiben, so liegt es wohl daran, dass sie, von Tartanbahnen und „vorschriftsmäßigen“ Sportanlagen verwöhnt, die Ursprünglichkeit und Naturgegebenheit einer „Bergfest-Arena“ nicht mehr in Kauf nehmen wollen. Doch die Jugend verdient sich noch immer ihre ersten sportlichen Sporen bei Sprung, Lauf, Stoß oder Wurf, in den zahlreichen Staffelläufen und die seit einigen Jahren stattfindenden Jedermann-Wettkämpfe ermöglichen auch dem „Trimm-Dich-Turner“ sein sportliches Erfolgserlebnis. 1954 übernimmt Karl-Heinz Lang die Vereinsführung aus den Händen von Dr. Ernst Loew, der inzwischen rege politische Aktivitäten entwickelte, dem Verein jedoch nach wie vor als Vorstandsmitglied und wertvoller Mitarbeiter Zur Verfügung steht. Während der 20-jährigen Amtszeit unseres heutigen Ehrenvorsitzenden Karl-Heinz Lang wird, dank seines ausgleichenden Temperaments und seiner Vermittlungsbereitschaft, vorbildliche Vereinsarbeit geleistet.

Es gibt keinen Verein, keine Abteilung, keine Gruppe, die den unterschiedlichen Charakteren und Auffassungen gerecht werden kann – es sei denn, sie bestünden aus einem einzigen Mitglied. Das kann sich der „TuS“ leider nicht leisten und deshalb ist es für die meisten stillen Helfer und rührigen Akteure immer wieder ein Grund zur Trauer, dass so viele „Beckenbauer“ und „Gewußt-wie-Leute“ ihrer? sagenhaften Einfallsreichtum ihre Geschicklichkeit bei der Bewältigung so mancher Aufgabe, nicht dem Verein zur Verfügung stellen. Wenn es trotz mancher Meinungsverschiedenheiten – eine Vereinsgeschichte sollte ehrlicherweise nicht nur „Halleluja-Geschrei“ dokumentieren – eine erfreuliche Entwicklung gab, so ist es nicht zuletzt Karl-Heinz Lang zu verdanken.

Das Vereinsdomizil, die Turnhalle, erweist sich immer wieder als Prüfstein der Turn- und Sportgemeinschaft. Sie muss erhalten, renoviert, den Erfordernissen der Zeit, den Absichten entsprechend ausgebaut werden. Nach den Verputz und

Anstricharbeiten, einer Erneuerung der Eingangstreppe in den 50 er Jahren, konnte 1969 der lange geplante Wasch-, Dusch-, Garderoben-, Toiletten-, Wirtschaftsund Funktionsräume umfassende, dankenswerterweise großzügig von der Gemeinde, dem Kreis, Land und Sportbund bezuschusste, trotzdem mit etlichen Schulden belastete, 120.000,- DM teure Anbau, eingeweiht werden. Vielen reiwilligen Helfern ist es zuzuschreiben, dass die finanziellen Belastungen im ahmen blieben und durch Gründung einer Wirtschaftsabteilung, deren usschließliche Aufgabe es war und noch immer ist, die Mittel zu beschaffen, ist es isher gelungen, dem Verein seine sportliche, erzieherische und gesellschaftliche

Bedeutung zu erhalten. Heutzutage ist ein relativ kleiner Sportverein von der Art des TuS 03 Weilmünster, obwohl sich in seinen Reihen ausschließlich Amateure tummeln, ein Wirtschaftsunternehmen, darauf angewiesen, bei Sport-, Kultur und Vergnügungsveranstaltungen die Unterstützung der Bevölkerung zu suchen und zu Finden.

Gerüchte über die großen Summen, die angeblich ausgegeben werden, um Spieler oder Trainer zu kaufen und die mit dem Quadrat der Entfernung geradezu sagenhafte Dimensionen erreichen, entbehren jeder Grundlage, eignen sich allerdings dafür, in der Karnevalszeit publikumswirksam vermarktet zu werden. Dotationen von privater Seite, aus welchen Gründen auch immer, finden keinen Niederschlag in der Vereinspolitik oder im Finanzgebahren. Aufwandsentschädigungen für Übungsleiter werden vom Staat gezahlt und sind nur ein geringer Ersatz für die aufgewandte Mühe und Einsatzbereitschaft.

Nach der Fertigstellung der Gesamtschule 1969, zu der neben einer kreiseigenen Turnhalle, vorbildliche Sportanlagen gehören, verfügt der Verein zwar nicht über eigene, aber ständig benutzbare Übungs- und Wettkampfplätze. Mit leichtem Schaudern, trotzdem gepaart mit ein wenig Stolz, werden sich viele daran erinnern, vor allem die Fußballspieler, weiche sonderbaren Kapriolen der mit Vehemenz getretene Ball schlug, wenn ein kräftiger Westwind über das abfallende Gelände „auf Stein“ fegte oder später, in den Weilwiesen wahre Schlammschlachten das kommentarreiche Interesse der Zuschauer fanden. Die Vereinsturnhalle verlor etwas von ihrer bisherigen sportlichen Nutzungsfähigkeit und diente immer mehr, obwohl nach wie vor der Spielmannszug, die Tischtennisspieler und Leichtathleten, neben den Kindern der Grundschule Übungs- und Trainingsstunden darin abhalten, als „Haus der Geselligkeit“, Mittelpunkt des außersportlichen Vereinslebens. Die jährlichen Fastnachtsveranstaltungen finden stets

ein erfreuliches Echo, dank etlicher altbewährter Karnevalisten, die erst 1969, nachdem sie bis dahin eine Art „private Erheiterungsgesellschaft“ betrieben hatten zum Verein fanden und mit vielen jungen Talenten zusammen einfallsreich dem Orts- und Vereinsgeschehen die Narrenkappe verpassen.

Als 1974 Gerhard Schauß, der bereits längere Zeit als 2.Vorsitzender tätig war, die Vereinsführung übernimmt, verfügt er über ein Team bewährter Mitarbeiter, die sich neben ihren sportlichen Meriten, für ihre unermüdlichen, zeit-raubenden, unbezahlten, aber unbezahlbaren Tätigkeiten, ein uneingeschränktes Lob verdienen. Zum Beispiel Ulrich Lahr als 2.Vorsitzender, der mit Gerhard Schauß die vielen Erfordernisse der Vereinsgeschicke souverän und geschickt erledigt, Adolf Schäfer, dessen ständiges Bemühen um die Belange und Notwendigkeiten gar nicht hoch genug eingeschätzt werden kann, die seit vielen Jahren bewährten Kräfte Josef Beck, Karl Völpel, Gerhard Schwarz, Irene und Rudi Karnoll, Karl-Heinz Pfeiffer, Kurt Masuch, Kurt Metzler, der viel geplagte Kassierer Herbert (Rudi) Radu, sein Vorgänger Hans Höfler, die Übungs- und Abteilungsleiter Dieter Reimann, Hartmut Jost, Jürgen Röglin, Karl-Heinz Lang, Jürgen Schrupp, Hajo Reuter, Peter Lemsky, Rainer Georgi, die „Jedermannsfrauen“ Elfriede Schauß und Renate Jung und die zahlreichen „Untermänner“, ohne deren Mithilfe die Vereinspyramide kein so erfreuliches Aussehen haben könnte. Im Jahr 1978, dem Jahr des 75-jährigen Bestehens hatte der TuS 03 Weilmünster 560 Mitgliedern.

Das folgende Vierteljahrhundert bis zum 100. Geburtstag des TuS 03 war natürlich manchen Wandlungen unterworfen, lässt dies und jenes in neuem Licht erscheinen, muss den unabänderlichen Gegebenheiten angepasst werden. Das wirtschaftliche Überleben der Gemeinschaft wird zur großen Herausforderung an die Fähigkeiten der Verantwortung tragenden Mitgliedern und ist nicht immer leicht zu schaffen. Ohne die sportlichen Aspekte je aus den Augen zu verlieren, gelingt es der Vereinsführung und den einzelnen Säulen und Stützen , wie der Fußballabteilung, der Leichtathletik- und Turnabteilung, dem Spielmannszug, dem Lauftreff, der Tischtennis-, der Badminton-, der Eisstock-, der Wirtschafts- und Karnevalabteilung  das Dach des Vereins-gebäudes überzeugend zu tragen, dank der uneigennützigen Bemühungen vieler Mitglieder. Im Jubiläumsjahr 2003 darf der traditionsreiche TuS 03 Weilmünster mit seinen gegenwärtig 920 Mitgliedern, voller Stolz und Befriedigung über seine sportliche und gesellschaftliche Bedeutung, die herzlichsten Gratulationen und alle guten Wünsche für das nächste Jahrhundert entgegennehmen.

Die Vereinsgeschichte, deren Daten und Begleitumstände nur durch viele Gespräche, mühselige Kleinarbeit erforschbar war, zusammengestellt und in Worte gefasst von Rudi Czech

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